Wir sollten leben mit dem Tod vor Augen

Tobias Haberl


Obwohl ich schon 45 bin, habe ich erst einen toten Menschen gesehen: mich selbst. Es war ein Freitagmorgen vor 13 Jahren, als ich während eines Belastungs-EKGs zusammengebrochen bin, der Oberkörper verkabelt, meine Knöchel in den Klettverschlussschlaufen des Ergometers, der Kopf zur Seite gekippt, auf dem Monitor die grüne Nulllinie, Herzstillstand. 

Erst war mir nur schwindlig gewesen, ich hatte um ein Glas Wasser gebeten, dann war der Schweiß gekommen, so viel, als hätte mich jemand mit dem Gartenschlauch abgespritzt. Dann waberte und hallte alles um mich herum, es war, als würde ich eingesogen, schließlich war es still geworden. Nach einer Weile – waren es Sekunden oder Jahre? – erkannte ich mich aus einer Höhe von zwei bis drei Metern, neben mir die Arzthelferin mit dem Wasserglas, Geschrei, weitere Menschen, jemand riss einen Schrank auf, Kanülen und Spritzen prasselten zu Boden, ein Mann im weißen Kittel schlug mir ins Gesicht, »Atropin!«, schrie er, »Atropin!«, dann die Spritze, mit Wucht in den Oberarm, ich kehrte zurück ins Leben und weiß noch, dass Schneeflocken vom Himmel fielen, als sie mich mit Blaulicht in die Notaufnahme fuhren.

Dieser Tag hat mein Leben geprägt. Damals hat er mich ganz schön aus der Bahn geworfen. Einmal bin ich bis vier Uhr morgens im Kreis um den Gärtnerplatz gelaufen, damit mich ein Flaschensammler oder Nachtschwärmer findet, falls mein Herz mal wieder keine Lust zum Weiterschlagen hat. Heute bin ich dankbar, weil er mir die Angst vor dem Sterben nicht genommen, sie aber gelindert hat. Alles war so friedlich, als ich tot war. Ich fühlte mich gelassen, auf merkwürdige Art wissend, ich musste sogar lächeln, als ich dem hektischen Durcheinander zusah, weil ich mir mein Ende irgendwie anders vorgestellt hatte, weniger banal, nicht in der Nähe des Hauptbahnhofs, nicht um 7.30 Uhr morgens, weil ich da eigentlich noch schlafe. 

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An alle anderen, die gestorben sind, erinnere ich mich nur lebendig, danach habe ich sie nicht mehr zu Gesicht bekommen: meine Großeltern, meinen Schulfreund, den sie mit 15 vom Strick holten, die stille Kollegin, die ich mochte, aber nie richtig kennenlernte – auf der Trauerfeier lief Heroes von David Bowie –, meinen Onkel, 59 Jahre alt, auf einmal nur noch Asche, in einer Urne, in einem Erdloch. Wie kann es sein, dass ich mit 45 noch nie einen toten Menschen gesehen habe? Was sagt es aus über eine Gesellschaft, in der man sich jeden Tag verstümmelte Leichen in True-Crime-Serien anschaut, aber so gut wie nie einen toten Menschen, den man gemocht oder geliebt hat? Ich habe Freunde gefragt, die meisten zwischen 35 und 55. Vielen geht es wie mir. Wer seine Eltern noch hat, kennt den Tod oft nur in der Theorie.

In zwei Monaten ist Bundestagswahl. Der Ideenwettbewerb, wie unser Land für die Zukunft fit gemacht werden kann, ist in vollem Gange: mehr Windräder, schnelleres Internet, ­höhere Steuern, mehr Gendersterne, weniger Inlandsflüge, mehr Bildung, höherer Mindestlohn. Über den Weg wird gestritten, über das Ziel ist man sich einig: Wir brauchen eine gewaltige Transformation, einen beherzten Aufbruch in eine grundlegend neue Gesellschaft. Armin Laschet fordert ein »Modernisierungsjahrzehnt«, und alle anderen eigentlich auch. Ich habe die Wahlprogramme quergelesen, es geht viel um Klimaschutz, Digitalisierung und Nachhaltigkeit, und vielleicht habe ich einen Absatz übersehen, aber wirklich am Herzen scheint es keiner Partei zu liegen, dabei könnte es vielleicht nicht der, aber doch ein Schlüssel für eine menschlichere Gesellschaft sein: unser Verhältnis zum Sterben, ­unsere Beziehung zum Tod. 

Dieser Text ist mehr als ein Plädoyer, er ist ein Gedankenexperiment, ein politischer Vorschlag, wahrscheinlich auch eine Provokation, obwohl er gar nicht so gemeint ist. Im Zentrum steht die Frage: Was würden wir als Gesellschaft gewinnen, wenn wir nicht nur das Glasfasernetz ausbauten, sondern unser Verhältnis zum Tod korrigierten, indem wir eine obligatorische Sterbebegleitung einführten – oder sagen wir: ein obligatorisches Angebot, den Tod kennenzulernen? Wenn möglichst viele Menschen einmal im Leben ihr Studium, ihren Job, ihren unbezahlten Urlaub unterbrächen, um zu erleben, was – Stand jetzt – auch sie eines Tages ereilen wird? Wenn Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit gäben, nicht nur als Arbeitskraft, sondern als Mensch zu wachsen? Wenn wir alle zusammen nur für ein paar Wochen weniger Tatort schauten, Zalando-Pakete zurückschickten und Filter auf Selfies legten und stattdessen einem Menschen auf seiner letzten Reise beistünden oder wenigstens ein Schnupperpraktikum bei einem Bestattungsunternehmen machten? Es gab so was Ähnliches schon mal, es hieß Zivildienst. Da konnte man zwar auch Feuchtbiotope anlegen oder Rollstuhlfahrer durch die Fußgängerzone schieben, aber immerhin wurde der Lauf des Lebens unterbrochen, es kam zu einem Perspektivwechsel. Seitdem der Zivildienst vor zehn Jahren abgeschafft wurde, starten junge Menschen noch früher und mit noch weniger Ahnung von der Wirklichkeit ins Berufsleben.  

Die Idee klingt absurd, vielleicht utopisch, ganz sicher bedrohlich. Sollte man nicht lieber später als früher an den Tod denken? Sollte man sich nicht lieber um die Zukunft, also um die Kinder, statt um die Sterbenden kümmern, die doch in wenigen Augenblicken Vergangenheit sind? Könnte eine derart existenzielle Erfahrung Menschen nicht aus dem Tritt bringen oder in eine Krise stürzen? Genau diese Fragen sind unser Problem, denn unnatürlich ist nicht der Tod, sondern unsere Furcht vor ihm. Wir haben die normalste Sache der Welt – und die einzige, die jeden betrifft, – so konsequent aus unserer Wahrnehmung gedrängt, dass wir den Tod nur noch als Kränkung, ja Skandal empfinden, der abgeschafft gehört. 

Der Soziologe Norbert Elias hat schon 1982 beschrieben, warum wir das Sterben verdrängen: In zivilisierten Gesellschaften würden alle »elementaren, animalischen Aspekte des menschlichen Lebens« mit Scham- und Peinlichkeits­gefühlen belegt und »hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlagert«. Mit anderen Worten: Der moderne Mensch ist süchtig nach Sicherheit, Berechenbarkeit und Selbstbestimmung. Der Tod ist das Gegenteil. Deswegen denken wir schnell an was Angenehmes, sobald er uns ins Bewusstsein schießt, zum Beispiel an die heute-show oder den letzten Strandurlaub. Der Gedanke, eines Tages nicht mehr da zu sein und nichts dagegen tun zu können, erscheint uns unerträglich. Dahinter steht das alte Fortschrittsparadoxon: Je stärker etwas Unerwünschtes zurückgedrängt wird, desto unaushaltbarer kommen uns die Reste vor, die wir noch nicht in den Griff bekommen haben. Manche schielen bereits hoffnungsvoll in Richtung Silicon Valley, wo Tech-­Ingenieure an der digitalen Unsterblichkeit basteln, Gehirne einfrieren, menschliches Bewusstsein speichern und Chat­bots programmieren, die Gespräche mit Verstorbenen ermöglichen sollen. »Der Tod ist eine große Tragödie, ein gewaltiger Verlust, den ich nicht akzeptiere«, sagt Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google. Woody Allen hat das Gleiche, nur lustiger gesagt: »Ich möchte nicht durch meine Arbeit Unsterblichkeit erlangen. Ich möchte unsterblich werden, indem ich nicht sterbe.«

Vor gar nicht so langer Zeit wurden verstorbene Menschen im Wohnzimmer aufgebahrt, oft spielten die Enkelkinder neben der toten Oma Verstecken. Trauerfeiern, ­Totenwachen, Sterbebildchen, Prozessionen und liturgische Lieder gaben Halt und spendeten Trost. Mein Vater hat mir erzählt, wie er als Junge alle paar Tage heimlich zum Leichenschauhaus schlich, um sich »neue Tote« anzuschauen. Seitdem religiöse Rituale schwinden, mangelt es uns an ­Formen des Abschieds. Wir haben Youtube-Kanäle zu den Themen Resilienz, Achtsamkeit und Spiritualität abonniert, aber ums Sterben geht es irgendwie nie, immer nur um das gute oder noch bessere Leben. Viele wissen überhaupt nicht mehr, wie mit Sterbenden umzugehen ist. Sie stehen ohne Worte und Ausdrucksmöglichkeiten vor ihnen, überfordert, beklommen, ja peinlich berührt, von einer derart unschönen Angelegenheit belästigt zu werden. Die Folge: Immer mehr alte Menschen gehen freiwillig in den Tod, um ihren Angehörigen nicht zur Last zu fallen. Längst gibt es Fachkräfte für das Sterben, die wir anrufen, wenn es so weit ist, Service-Nummern, wie beim WLAN oder der Unfallversicherung. 

Der Tod ist neben der Geburt die einzige Erfahrung, die alle teilen

Die Idee, den Tod ins Leben zurückzuholen, ist nicht neu. Bislang wurde sie aber meistens aus der Perspektive der Sterbenden gedacht, da ging es um menschenwürdiges Sterben, um Gehaltensein im Moment des Todes, darum, dass die Sterbenden nicht allein sind, wenn sie den Tod erst ablehnen, dann bekämpfen und schließlich akzeptieren. Tatsächlich wäre eine kollektive Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit nicht nur ein Akt der Barmherzigkeit, sondern eine Win-win-Situation, eine Investition in eine solidarischere und krisenfestere Gesellschaft. Vielleicht ist der Gedanke naiv, aber kindischer als unsere Instagram-Posts ist er sicher nicht: dass die Menschen zusammenrücken, wenn sie die Brüchigkeit ihrer Existenz zu Lebzeiten schon mal durchspielen. Dass sie – wie zu Beginn der Corona-Pandemie oder in Independence Day – angesichts eines überlegenen Gegners wenigstens eine Zeitlang mit- statt gegeneinander kämpfen. Dass sie durch die kollektive Erfahrung des Todes einen Reifesprung machen, dass sich Prioritäten neu ordnen, dass ihnen Mut zufließt, die Möglichkeiten ­des Lebens konsequen­ter auszuloten, aber auch Demut, die eigenen Grenzen anzuer-kennen, also: nicht über-­mütig zu werden. Dass wir es lächerlich finden, uns gegenseitig auf Twitter niederzubrüllen, wenn wir am Ende doch nebeneinander zu Staub zerfallen. Dass wir freundlicher, aufrichtiger und weniger gierig werden. Kurz: dass die Menschenfeindlichkeit und das ständige Ich-Getue einem Gemeinschafts- und Gelassenheitsgefühl weichen. Der Tod hat nämlich schon allein deshalb eine verbindende Qualität, weil er neben der Geburt die einzige Erfahrung ist, die jeder Mensch mit jedem anderen Menschen teilt, auch mit Veganern, alten weißen Männern, Dieselfahrerinnen, Trans­menschen, Rechtsradikalen, Querdenkern und FDP-Wählerinnen. Oder wie PeterLicht singt: »Wenn die Dämonen kommen, ist ­jeder, der ein Mensch ist, dein Freund.«

Sterbende berichten immer wieder, ihnen sei erst am Ende des Lebens klargeworden, was zählt und was nicht. Wie wäre es, wenn wir diese Erkenntnis massenhaft nach vorn verlagern könnten, um noch davon zu profitieren? Wer sich unsterblich fühlt – und wenn wir ehrlich sind, tun wir das meistens –, lebt anders, wählt anders, plant anders, geht anders mit Menschen um. »Wer den Tod nicht kennt, der weiß nicht, was Denken ist«, hat der Künstler Joseph Beuys gesagt. Man könnte hinzufügen: Wer den Tod nicht kennt, weiß auch nicht, was wahrhaftig leben ist. Es gibt in Deutschland rund 100 000 meist ehrenamtliche Sterbebegleiter, die davon berichten, welch grenzsprengende Erfahrungen sie gemacht hätten, ja dass sie durch ihr Engagement nicht ängstlicher, sondern im Gegenteil stärker geworden seien.

Die Autorin Ilka Piepgras ließ sich vor ein paar Jahren zur Sterbebegleiterin ausbilden. Damals schrieb sie über die Faszination, »den eigenen Turbo-Lebensrhythmus der langsamen Gangart eines verlöschenden Menschen unterzuordnen«. Nie habe sie sich so stark in Verbindung mit sich selbst gefühlt. In den Stunden, die sie mit dieser sterbenden Frau verbrachte, habe sie sich so weit vom Rest der Welt entfernt, als sei sie auf einem Tiefseetauchgang. Auf einmal sei sie gezwungen gewesen, sich komplett auf sich selbst zu verlassen, auf ihre Intuition und ihren Instinkt. Genau darum könnte es gehen: neue Erfahrungen nicht im Ayurveda-Resort auf Bali zu machen, sondern im Hospiz drei Straßen weiter. Und nicht nur schneller, effizienter, ökonomischer zu werden, sondern tiefer, indem man seinen Radius eine Zeitlang nicht ausdehnt, sondern verengt, und die Lebensgeschwindigkeit nicht erhöht, sondern drosselt.

Der Medizinethiker, Arzt und Philosoph Giovanni Maio ist überzeugt: »Indem sich der Helfende ansprechen lässt vom Aufruf des hilfsbedürftigen Menschen, gewinnt auch er selbst neue Einsichten über sich.« Und weiter: »Die Begegnung mit dem anderen verhilft dem Sorgenden dazu, seine bisherige Sicht der Dinge zu relativieren, seine Perspektiven zu überschreiten und seinen Horizont zu erweitern.« Erst im Angesicht der Bedrohung zeige sich das Bedrohte in ­seinem eigentlichen Wesen. Und so lasse das Wissen um die Vulnerabilität des Lebens die Kostbarkeit des noch bestehenden Lebens klarer aufscheinen. Das Wichtige, Bedeutungsvolle trete im Bewusstsein der unwiederbringlich aus­laufenden Lebenszeit klarer hervor denn je: »Vulnerabilität nicht als Defekt des Menschen«, sondern als Ressource, Verdichtung und Vertiefung des Lebens.

Im Moment versuchen wir unsere Probleme vor allem technisch-naturwissenschaftlich zu lösen, mit Apps und Daten und Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Herausgekommen ist nach jetzigem Stand: eine verängstigte Gesellschaft, die ihre eigene Existenz immer öfter als Bedrohung empfindet, eine Gesellschaft im Absicherungsmodus, der das Leben selbst unheimlich geworden ist. Eine sonderbare Verzagtheit hat sich über unser Leben gelegt, eine Bangigkeit und Blutleere – manche sagen Vernunft dazu. Die meisten Menschen eiern rum, sobald über den Tod gesprochen wird: Die einen wechseln das Thema, andere flüchten in Ironie, biochemische Ausführungen oder übertriebene Ehrfurcht. Zugegeben: Man würde verrückt, wenn man permanent daran dächte, dass es uns und unseren Planeten eines Tages nicht mehr geben wird, ja dass von CO2-Zertifikaten über nachhaltige Aktienfonds bis zu Corona-Impfstoffen im Grunde alles für die Katz ist. Aber ein Leben lang vor einer unvermeidbaren Sache davonzulaufen ist nicht nur feige und würdelos, sondern auch ungesund, weil man, wenn man auf der Flucht ist, nie zur Ruhe kommt.

Die Menschen sterben schon noch, aber wir kriegen es nicht mit, weil wir gerade was bei Amazon bestellen

Ernst Jünger hat geschrieben, dass wir Bewohner des Westens das zentrale Problem der menschlichen Existenz – Wie überwinde ich die Todesangst? – mit unserem Komfort und »allerlei technologischem Klimbim« immer nur betäuben, aber nie lösen. Und ja, das sind pathetische Worte eines umstrittenen Schriftstellers, aber ein bisschen was ist schon dran, wenn man bedenkt, wie wir jeden Moment der Stille mit Klicks zuballern, damit uns bloß kein unschöner Gedanke die Laune verdirbt. Manchmal stehe ich an einer Straßenecke, schaue den Menschen zu und habe tatsächlich das Gefühl, als liefen sie vor etwas davon. Ist es unsere Todesangst? Wenn ja, dann wären unsere sogenannten Annehmlichkeiten – die ständige Erreichbarkeit, das dauernde Connected-Sein, der pausenlose Konsum – nur Ersatzhandlungen, mit denen wir die Auseinandersetzung mit dem Unvermeidbaren auf Distanz halten. Die Tech-Firmen jedenfalls tun alles dafür, dass wir lieber aufs Handy glotzen als im Pflegeheim zu sitzen, weil sie, wenn wir einem Menschen den Schweiß von der Stirn tupfen, kein Geld verdienen. 

Im Moment gibt es (in der westlichen Welt) Areale des Lebens und des Sterbens, die einander kaum noch berühren. Hier die Fußgängerzonen, Sonnenterrassen und Co-Working-Spaces, dort die Kliniken, Pflegeheime, Hospize. Die Menschen sterben schon noch, aber wir kriegen es nicht mit, weil wir gerade was bei Amazon bestellen. Deswegen hat uns die Corona-Pandemie ja so geschockt: weil unser kollektiver Selbstbetrug, unsere systematische Verkennung der Realität nicht mehr funktioniert haben, weil wir auf einmal von Bildern von Intensivstationen, Särgen und Leichensäcken umzingelt waren. Es ist erstaunlich, wie entschieden wir Fake News bekämpfen und uns, was das eigene Leben angeht, nur allzu gern täuschen lassen. Gerade weil uns ­diese Pandemie die Brüchigkeit unserer Existenz (und unser ­Angewiesensein auf andere) hat spüren lassen, wäre sie eine Chance gewesen, das Leben wieder stärker als das anzu­erkennen, was es ist: ein vorübergehender Zustand. 

Im Moment sieht es nicht so aus, als wäre uns das gelungen: Unser Pflegesystem wird optimiert werden, beim nächs­ten Mal wird es nicht an Atemschutzmasken fehlen, vielleicht gibt es sogar eine Warn-App, die funktioniert, aber der Tod wird immer noch etwas sein, was um jeden Preis verdrängt oder verhindert werden muss. Natürlich war es unsensibel, ja zynisch, als Boris Palmer sagte, dass wir in der Corona-Krise womöglich Menschen retten, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, trotzdem bewies die Aufregung danach, wie weit wir uns bereits von der Selbstverständlichkeit des Todes entfernt haben und wie wenig wir in der Lage sind, ihn als natürliche Grenze des Lebens anzuerkennen. Manchmal frage ich mich, ob eine Gesellschaft überhaupt lebendig sein kann, wenn sie Todesverhinderung als oberstes Ziel ausgibt, wenn sie nicht begreift, dass die einzige Möglichkeit, sich gegen den Tod zu sträuben, ein intensives Leben ist und eben nicht ein gebremstes, verzagtes, furchtsames. »Der schwerste Grundrechtseingriff ist jedoch leider der Tod«, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Kutschaty während der Pandemie – ein bemerkenswerter Satz für einen Juristen. Tatsächlich konnte man phasenweise den Eindruck bekommen, dass die Restaurants erst wieder öffnen sollten, wenn überhaupt niemand mehr sterben müsse, dabei sind alte Menschen auch vor Corona einsam und verzweifelt gestorben, es hat nur kaum jemanden interessiert. Nichts anderes meinte Wolfgang Schäuble, als er angesichts der massiven Grundrechtseinschränkungen während der Pandemie davor warnte, dem Schutz von ­Leben alles unterzuordnen. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gebe, meinte Schäuble, dann die Würde des Menschen.  

Ich habe ein paar Menschen gefragt, wie sie die Idee der obligatorischen Todeserfahrung finden, Menschen, die beruflich mit Sterbenden zu tun haben. Der Palliativmediziner Matthias Thöns antwortete noch am selben Abend per Mail: Er finde die Idee großartig. Er sehe es bei sich und seinem Team. »Der Tod-Kontakt tut uns gut und relativiert viele Probleme.« Er halte es mit Mahatma Ghandi: »Lebe so, als ob du morgen sterben würdest. Lerne so, als ob du ewig leben würdest.« 

Der Vorstand des Christophorus Hospiz Vereins in ­München, Sepp Raischl, Theologe und Sozialpädagoge, hält die Idee für keine Utopie, sondern im Gegenteil für eine Notwendigkeit: »Wir versuchen so viele Schulklassen wie möglich zu uns zu bringen, damit junge Menschen den Tod kennenlernen.« Menschen, die andere beim Sterben be­gleitet haben, seien gestärkter für das eigene Leben, auch gelassener, sicherer, gefestigter. »In der Auseinandersetzung mit dem Thema Tod liegen gigantische Schätze für unsere Gesellschaft.« 

Zuletzt antwortete der Palliativmediziner und Chefarzt Professor Marcus Schlemmer: Er könne diese Idee nur unterstützen. Er sehe es an sich selbst. Wie der Umgang mit Sterbenden ihn bereichere, demütiger mache, präziser leben lasse. »Gerade junge Menschen, die in der Sex-, Drugs- and Rock’n’Roll-Phase sind, könnten ihrem Leben eine wertvolle Dimension hinzufügen.« Das Geben und Nehmen zwischen Sterbenden und ihren Begleitern sei immer wechselseitig. Was wachse, sei nicht die Angst, sondern die Hoffnung.

Es gibt diesen Film aus den Achtzigerjahren: Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers, in dem sich vier zwölfjährige Jungen auf den Weg machen, um die Leiche eines verschwundenen Jungen namens Ray Brower zu finden. Zwei Tage lang marschieren sie ein Bahngleis entlang, reden, schweigen, gestehen einander ihre Ängste und Sehnsüchte. Am Ende finden sie die Leiche, kommen nach Hause zurück und sind andere geworden, obwohl nur zwei Tage vergangen sind. Es ist diese Erfahrung, dem Tod ins Antlitz geschaut zu haben, die sie verändert hat. Sie sind jetzt keine Kinder mehr, der Hauch des Todes hat sie gestreift, gleichzeitig liegt das Leben vor ihnen. Ich musste, als ich diesen Text schrieb, immer wieder an diesen Film denken, gleichzeitig merkte ich, wie sich in mir der Wunsch regte, selbst einen toten Menschen zu sehen, ja auf einmal war ich wahnsinnig neugierig auf den Tod: Wie sieht er aus? Wie fühlt er sich an? Was macht er mit mir, wenn ich ihm gegenüberstehe? »Konfrontiere dich wenigstens einmal im Leben mit einem Leichnam«, hat David Bowie mal gesagt. »Die absolute Abwesenheit von Leben ist die verstörendste und herausforderndste Erfahrung, die du jemals machen wirst.«

In Deutschland sterben jeden Tag mehr als 2500 Menschen, aber einen von ihnen zu Gesicht zu bekommen ist gar nicht so leicht. Der Direktor der Münchner Uni-Pathologie Professor Frederick Klauschen meinte, er verstehe den Wunsch, aber es tue ihm leid, bei Obduktionen seien keine Zuschauer vorgesehen. Irgendwann fand ich einen alternativen Bestatter, der mein Anliegen nicht nur nachvoll­ziehen konnte, sondern gut fand: Den Tod kennenlernen, das sollten mehr Menschen machen. »Ich rufe Sie an«, versprach er. Zwei Wochen später klingelte mein Telefon: »Kommen Sie morgen um 14 Uhr.«

Am Morgen bin ich angespannt. Ich solle die Erfahrung nicht unterschätzen, hat er gemeint, ein toter Mensch, das sei kein Klacks, man könne nicht wissen, wie man reagiere. Wir treffen uns vor der Kühlhalle des Bestattungsunternehmens und setzen uns auf eine Holzbank. »Sie wurde 56«, erzählt er, ein Hirntumor, eine umtriebige, eine erfolgreiche Frau. »Wenn wir jetzt reingehen, lassen Sie sich Zeit, gehen Sie langsam, Sie können auch wieder ein paar Schritte zurückgehen, Sie bestimmen das Tempo.« Und wichtig: »Seien Sie neugierig, haben Sie kein schlechtes Gewissen, es gibt keine falschen Gedanken, keine falschen Fragen, es ist nur der Tod.« 

Dann gehen wir rein. 

Ich erkenne einen geöffneten Sarg, drum herum vier Kerzen. Ich setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen, erahne ein Gesicht, schaue schnell nach unten, zu den Beinen, taste mich nach oben, Zentimeter für Zentimeter, betrachte den Oberkörper, die dürren Hände, ineinandergelegt, darunter verblühte Lilien. Große Scheu, das Gesicht anzusehen, nach ein paar Minuten geht es doch: halb geöffnete Augen, Lippen wie Striche, ein Leib ohne Leben, wie eine Puppe aus Wachs, die ersten ­Momente sind überwältigend.

Plötzlich meine ich etwas zucken zu sehen: eine Wimper? Oder ist es der Brustkorb, der sich bewegt, nur ganz leicht? »Ganz normal«, wird mir der Bestatter nachher erklären: »Sie haben noch nie einen Menschen gesehen, ­dessen Brust sich nicht hebt und senkt. Es handelt sich um eine vollkommen neue Erfahrung. Ihr Gehirn gaukelt Ihnen das nur vor.« Ein Riss in der Matrix. Totale Fassungslosigkeit. Fragen über Fragen: Was fehlt diesem Menschen? Geist? Seele? Und wenn ja, wo sind sie hin? Und was ist der Rest? Eine Hülle? Und natürlich der Gedanke: Das könnte, das werde ich sein. 

Ich streiche über ihre Hand, sie ist kalt, fest, ledrig. Ich verbringe eine halbe Stunde mit dieser Frau, zu keinem Zeitpunkt spüre ich Angst oder Beklemmung oder Ekel, irgendwann spreche ich mit ihr, bedanke mich für die Begegnung, die mich fassungslos macht und die gleichzeitig: gar nicht so schlimm ist. Das menschliche Leben, denke ich, ist so viel weniger, als man immer denkt, und gleichzeitig so viel mehr – ein Wunder. Am Ende heben wir gemeinsam den hölzernen Deckel auf den Sarg. Ein letzter Blick. Beim ­ers­ten Schritt nach draußen – gleißendes Sonnenlicht, ­Verkehrslärm, explodierender Frühlingsduft, in der Ferne Kinderstimmen, ein paar Bienen, dazu der heftige Vorsatz: ein guter Mensch zu sein.

Was halten Sie von der Idee einer obligatorischen Sterbebegleitung? Haben Sie vielleicht schon Erfahrung damit, einen Menschen in seinen letzten Monaten zu begleiten? Finden Sie, dass das Thema Tod mehr ins Leben rücken sollte? Schreiben Sie uns an online@sz-magazin.de oder in den Sozialen Netzwerken unter #derTodistkeinTabu.